Mein Name ist Mathias Richel.

Just plain text.

  • Looping.

    Montagmittag, Prenzlauer Berg, ein Café mit einer akustischen Playlist aus den Nullerjahren. Frisch gemahlener Kaffee in der Luft, um mich herum das leise Klappern von MacBook-Tastaturen – die Standard-Lebensumstände der urbanen Bohème. Und genau hier, inmitten dieses Klangszenarios geschniegelter Alltäglichkeit, macht sich dieses Gefühl breit: Ein Loop. Eine ewige Wiederholung. Etwas, das sich immer wieder zurückzieht, sobald es weitergehen könnte. Ein neues Lied und doch immer derselbe Refrain. Die Kultur ist in einer Endlosschleife gefangen. Ich bin gefangen in einer Schleife. Und niemand scheint daran etwas ändern zu wollen.

    Das waren noch Zeiten, als Musik und Film uns ohne ironisches Augenzwinkern zu neuen Horizonten katapultierten. Die Zeit, als ein Gitarrenriff der Strokes oder der erste Blockbuster von Tarantino wirklich etwas bedeuteten – als sich so vieles gleichzeitig und wild entfaltete, weil niemand im Raum dachte, es gäbe schon alles. Es gab noch keine Retromüdigkeit, keine Remakes der Remakes, kein Wiederkäuen des ewigen Selbst. Heute scheint die Kultur vor sich hin zu dümpeln, während uns ein Algorithmus sagt, welche Netflix-Serie uns als Nächstes „gefallen könnte“, weil sie eine Mischung aus den letzten fünf Serien ist, die wir ohne große Leidenschaft durchgespult haben. Ein endloser Strom des ewig Gleichen.

    Aber warum? Wo ist der große Knall? Die Explosion, die alle aus der Monokultur reißt? Die wirklich neue Bewegung, die nicht das fünfzigste Comeback eines längst toten Trends ist? Nun, wahrscheinlich liegt es an den Wänden dieses Cafés, an den Smartphones auf den Tischen, an den Tablets und den wunderbar minimalistischen Notizbüchern mit pseudo-bedeutsamen Slogans. Alles strahlt Gleichklang aus und der Druck auf die wenigen Originale wird so erdrückend, dass selbst der kreativste Kopf irgendwann an der Routine der Reproduktion zugrunde geht.

    Ich bin ein Teil davon – wir alle sind es, wenn wir ehrlich sind. Die Kulturindustrie ist heute eine gigantische Kopiermaschine, die von Likes und Retweets lebt. Die Welt des Influencing treibt die Kreativen zu kalkulierbaren Evergreens, die den Algorithmus füttern. Was Klicks bringt, wird gemacht. Es gibt keine Experimente mehr, nur noch Algorithmen und Statistiken, die das nächste virale Format vorhersagen. Das neue „Kulturwerk“ ist eine endlose Masse leicht verdaulicher Häppchen, die uns im Namen des Engagements das Gefühl geben, „mitreden“ zu können – aber in Wirklichkeit sind wir alle in dieser Feedback-Schleife nur noch Produkt und Konsument zugleich.

    Kürzlich wollte mir jemand ein „authentisches“ Filterprogramm auf Instagram verkaufen. Die perfekte Illusion der Selbstwahrnehmung als Marke. Lässig, aber nicht zu lässig. Schick, aber bodenständig. Realität als Filtereffekt. Früher hätte das eine geniale Satire sein können. Heute ist es unser Alltag.

    Vielleicht hätten wir als Gesellschaft noch den letzten Ausweg nehmen können, aber der ist jetzt gepflastert mit Vintage-Polaroids und recycelten Festival-Slogans. Stolz tragen wir die Rucksäcke der vergangenen Jahre als Zeichen unseres persönlichen Stils, während wir unermüdlich dieselbe Spotify-Playlist abspielen. Die Generation, die gegen das Establishment rebellierte, hat sich in eine endlose Selbstreflexion gestürzt und ist auf einer Metaebene stecken geblieben. Die Zeit, die wir damit verbringen, unsere Instagram-Feeds zu gestalten und unsere Online-Avatare zu pflegen, haben wir von der realen Welt abgezogen. Es ist eine Welt der Ästhetik, die nichts Substanzielles wagt, weil das Engagement über den Inhalt gestellt wird.

    Ja, ich spüre das Dilemma: den Drang, etwas Bedeutendes zu schaffen, das sich dem Konsum entzieht. Aber die Realität ist so einfach wie deprimierend: Kein Produzent will sich auf die riskanten Manöver einlassen, die echte Innovation erfordern würden. Hollywood produziert lieber das zehnte Sequel, das genauso „überraschend“ ist wie die neun Vorgänger. Buchverlage lieben das sichere Geschäft mit den Bestsellerlisten, die voll sind von ausgelutschten Themen, die im Schnelldurchlauf zur Wohlfühllektüre verkommen. Und die Popmusik? Autotune über alles. Wir wollen auf keinen Fall herausgefordert werden, wir wollen nur leichte Unterhaltung, damit der Alltag nicht zu unbequem wird.

    Ist das unsere Kultur? Vielleicht sind wir einfach zu müde für Neues, zu bequem in unserer Endlosschleife der Wiederholungen. Eine kulturelle Hängematte aus Referenzen, ein Rückgriff auf die besten Zeiten, weil niemand den Mut oder die Kraft hat, das Vertraute wirklich zu sprengen. Stattdessen diskutieren wir in unzähligen Talkshows über die immer gleichen Themen – Migration, Wirtschaft, die Krise der Liebe – und stellen fest, dass uns jede Lösung irgendwie zu weit oder zu anstrengend ist. Die Fragen, die wir uns stellen, enden immer wieder in denselben Floskeln, auf derselben abgenutzten Metaebene.

    Und während wir hier sitzen und Kaffee aus biologisch abbaubaren Bechern schlürfen, von denen keiner mehr weiß, ob sie wirklich helfen, wirft der Algorithmus ein neues „Original“ in den Ring. Ein Album, das nach den besten Zeiten der frühen 2000er klingt, ein Film, der sich als Hommage an ein anderes Jahrzehnt versteht, eine neue Plattform, die alte Trends als die neueste Revolution verkauft. Aber wir wissen es besser – oder?

    Am Ende sind wir wieder hier: in diesem Café, diesem Knotenpunkt, diesem ewigen Zentrum, das sich keinem von uns öffnet. Vielleicht müssen wir uns wirklich aufraffen und das Netz abschalten, die Filter deinstallieren, die Glühbirnen ausschalten und anfangen, die Leere in unseren Köpfen zu akzeptieren. Eine Art kultureller Reset, der auf die Frage hinarbeitet: Was wollen wir eigentlich? Und warum können wir es uns nicht leisten, einmal etwas zu wagen?

    Denn nur wenn wir anfangen, etwas zu riskieren, besteht die Chance auf den „großen Wurf“, der uns endlich aus dieser Endlosschleife herauskatapultiert.

  • McDonald Trump.

    Keine Show, keine Apokalypse – nur Pommes und Fett. Er steht da, die Schürze um den Bauch gewickelt, als wäre das seine Krönung, als würde ihm das goldene M leuchten wie einst das Oval Office. Aber da ist nichts Goldenes mehr, nicht wirklich. Nur die Kamera klickt, die Leute jubeln, weil sie das tun, egal, was er tut. Aber er? Er steht da, und irgendwo in seinem Blick spürt man es: Vielleicht weiß er es selbst. Dass das nicht genug ist. Nicht mehr.

    Früher war er der, der alles zerbrach. Der die Welt in 280 Zeichen zerlegte, der auf der Weltbühne stand und dachte, er sei größer als das alles. Jetzt verbrennen ihm die Hände und man muss sich fragen: Glaubt er das wirklich? Glaubt er wirklich, dass diese Schürze ihn zurückbringt? Dass er, der König des Spektakels, jetzt bei McDonald’s den nächsten Trump Tower baut?

    Die Menge jubelt, sie liebt es. Denn genau das wollen sie sehen. Den Mann, der sich für sie hinstellt und Pommes schaufelt. Der sagt: Ich bin einer von euch! Seht her! Aber was sie nicht sehen, was niemand sieht, ist dieses Zucken in seinem Gesicht. Denn da, in diesem Fettgeruch, liegt irgendwo die Tragödie. Nicht die eines gefallenen Helden, sondern die eines Mannes, der weiterläuft, obwohl das Rennen längst vorbei ist.

    Vielleicht funktioniert es. Vielleicht gewinnt er wirklich. Aber vielleicht steht er am Ende ganz allein da und weiß: Das war’s. Kein Oval Office mehr, kein großes Spektakel. Nur der Geruch von Fett, die Schaufel in der Hand und irgendwo der Gedanke: Wie bin ich hier gelandet? Aber dann klickt die Kamera, die Menge lacht und er lächelt. Denn was soll er sonst tun? Aufhören? Aufhören war nie eine Option.

  • Pilze.

    Mitte Oktober, irgendwo im brandenburgischen Nirgendwo. Die Luft riecht nach feuchtem Moos, die Kiefern stehen Spalier wie Soldaten, und du weißt: Jetzt ist Pilzsaison. Und man weiß auch: Die Brandenburger sind draußen.

    Sie kommen aus den Ecken gekrochen, den Blick auf den Boden geheftet, nicht weil sie etwas verloren haben, sondern weil sie genau wissen, was sie finden werden. Mit gesenktem Kopf und starrem Blick. Aber dieser Blick – das ist nicht die Müdigkeit des Alltags. Nein, es ist eine jahrhundertealte Jagdtechnik. Sie tasten den Boden ab, zwei Meter um sich herum, in einem perfekten 360-Grad-Radar. Alles außerhalb dieses Radius? Unwichtig. Hier geht es um das Wesentliche.
    Man nennt das Pilze sammeln, aber das ist eine Lüge. Sammeln klingt so passiv, so zufällig. Das ist knallharte Präzision, das ist Myzeljagd. Der Brandenburger greift nach dem Pilzkörper. Wie bei einem chirurgischen Eingriff wird der Pilz mit einer Bewegung aus dem Waldboden gelöst. Und dann, zack, fliegt er in den Korb. Nächster Pilz.

    Steinpilze, Maronen, Pfifferlinge – das ist kein Spaziergang, das ist ein Marsch durch die Kiefernplantagen, die sie in Brandenburg noch liebevoll Wald nennen. Das Messer? Immer in der Hand. Der Korb? Eine Trophäe für sich. Es wird nicht einfach gesammelt, es wird Beute gemacht. Pilze, kiloweise aus dem Boden gezogen, wie Schätze aus einer anderen Welt. Sie schleppen alles durch den Wald, die Körbe voll bis zum Rand, und wenn du denkst, sie sind fertig, gehen sie noch tiefer hinein, als gäbe es noch etwas zu holen. Unkundige stehen nur daneben und sehen nur braunen Waldboden, ein paar Blätter. Der Brandenburger sieht ein Königreich. Und sie hören nicht auf, bis jeder Steinpilz, jede Krause Glucke, jeder Pfifferling den Weg in den Korb gefunden hat.

    Zu Hause wird die Beute dann zur Schau gestellt. Eine ganz eigene Kunst. Pilze werden wie Jagdtrophäen auf Schnüre gefädelt und unter die Decke gehängt, damit jeder, der hereinkommt, sie sehen kann: Das hier? Das ist ein Pilzjahrgang! Und wenn die, die gleich in der Pfanne landen, brutzeln und dampfen und die Küche mit ihrem Duft erfüllen, dann ist es soweit. Dann weiß der Brandenburger: Das ist nicht nur Herbst, das ist der Kreislauf des Lebens.

  • Deinung.

    Ja, man darf nichts mehr sagen. Diesen Satz hört man immer wieder, von allen Seiten, auf allen Bühnen, in den Kommentarspalten, herausgeschleudert wie eine Provokation, die nach Aufmerksamkeit schreit. Und dann? Dann sagen sie ihn, dann sagen sie alles, als hätten sie nie aufgehört, als hätte ihnen nie jemand den Mund verboten. Der Witz ist: Die, die sagen, man dürfe nichts mehr sagen, sind genau die, die immer am lautesten schreien, immer im Mittelpunkt stehen. Und man steht da und denkt: Hm?

    Das Problem ist nicht, dass man nichts mehr sagen darf. Das Problem ist, dass heute alles gesagt wird. Ungefiltert, unüberlegt, einfach raus damit, Hauptsache, die Bühne gehört dir für diese eine Sekunde. Früher, ja früher, da gab es noch so etwas wie, sagen wir mal, einen gesellschaftlichen Konsens. So eine Art unausgesprochenen Vertrag, was man sich im Diskurs nicht antut, weil es einfach nicht cool ist. Weil man wusste: Es gibt Grenzen. Unsichtbar, aber da. Man hat sich gestritten, klar, und man hat sich gestritten. Aber du hast dir wenigstens die Mühe gemacht, kurz nachzudenken, bevor du den Mund aufgemacht hast. Das ist jetzt vorbei. Jetzt wird alles gesagt, Hauptsache es knallt.

    Und was passiert? Man schreit sich die Seele aus dem Leib, und wenn das Echo kommt, zuckt man mit den Schultern: War ja nur meine Meinung. Und man denkt: Wie bitte? Früher – und mit früher meine ich nicht das goldene Zeitalter der Streitkultur – war Diskurs noch so etwas wie … wie ein Spiel, bei dem es nicht darum ging, den anderen zu vernichten. Man hat gestritten, um einen Mittelweg zu finden. Heute? Heute geht es darum, am lautesten zu schreien. Wer die größte Bühne hat, gewinnt. Ende der Geschichte.

    Das ist der Punkt: Nicht, dass man nicht mehr reden darf. Sondern dass niemand mehr aufhört zu reden. Alles wird rausgeschmissen, als ob die Verantwortung für das Gesagte mit dem Klick auf die Schaltfläche einfach verschwunden wäre. Früher gab es das: Verantwortung. Da hat man sich überlegt, ob das, was man sagt, wirklich etwas zur Sache beiträgt. Und wenn das schief ging, gab es sogar mal Rücktritte. Und heute? Heute schmeißt man alles raus und schaut, ob’s knallt. Und wenn’s knallt? Ja, dann gehst du einfach weiter. Das war nur eine Meinung.

    Das ist die Gefahr, dieses alles sagen. Dieser permanente Lärm, der nichts mehr übrig lässt, keinen Raum für Stille, keinen Raum zum Nachdenken. Alles wird gesagt, aber keiner fragt: Muss das sein?

    inspiriert von diesem Bit von Ingmar Stadelmann: https://www.instagram.com/reel/DBTiEHVsMPu/?igsh=YTBmZ3M3ZmVhYzBs

  • Eberswalder.

    Du stehst da, den ersten Kaffee des Tages in der Hand, noch heiß, aber nicht heiß genug, um den müden Kopf in Schwung zu bringen. Die Eberswalder Straße – sie ist längst wach, während du noch im Halbschlaf durch die Gegend stolperst. Um dich herum brummt die Stadt, aber nicht so, wie man es von Berlin erwartet. Es ist nicht das hektische Brummen von Autos und Menschen, die irgendwohin müssen – es ist dieses ruhige, gleichgültige Brummen einer Straße, die genau weiß, was sie ist. Keine Bühne, nur Kulisse. Der Kaffee in deiner Hand wird langsam kälter, die Ampel vor dir springt wieder auf Rot – natürlich wie immer – und du bleibst stehen, wie alle anderen auch.

    Die Eberswalder hat keinen Platz für große Dramen, hier gibt es keine Protagonisten. Du bist nur einer von vielen Statisten in einer Szene, die sich längst abgespielt hat, bevor du überhaupt angekommen bist. Der Dönerladen an der Ecke ist noch offen, die Typen davor sehen aus, als hätten sie nicht gemerkt, dass die Nacht schon vorbei ist. Sie stehen da, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, und rauchen die letzte Zigarette, bevor der Tag offiziell beginnt. Es spielt keine Rolle, wie spät es ist – hier fühlt sich alles an, als würde es nie richtig aufhören, nie richtig anfangen. Der Tag, die Nacht, alles verschwimmt in dieser Straße.

    Du nimmst einen Schluck Kaffee, spürst, wie das Koffein dich langsam aus dem Nebel holt, aber gerade noch. Die Menschen um dich herum bewegen sich, als wüssten sie genau, wohin sie müssen, aber du weißt es besser: Niemand bleibt hier, aber alle kommen wieder. Irgendwann. Die Eberswalder Straße ist kein Ziel, sie ist eine Durchgangsstraße. Man hält sich hier nicht auf, man wartet – auf den Zug, auf den Feierabend, auf das nächste Wochenende, auf etwas, das vielleicht nie kommt. Aber man wartet, weil es das ist, was man hier tut.

    Die ewige M10, wie immer zu spät, aber immerhin so pünktlich, dass niemand wirklich meckert. Sie zieht vorbei, voller Menschen, die so leer wirken wie die Straße selbst. Prenzlauer Berg wacht langsam auf, die ersten Kinderwagen rollen vorbei, die ersten Coffee-to-go-Becher werden gereicht. Aber du? Du stehst da, schaust dich um und merkst: Die Eberswalder Straße schläft nie, sie ruht nur kurz. Zwischen zwei Zügen, zwischen zwei Menschen, die kommen und gehen, immer im Fluss. Sie wartet auf nichts und niemanden, aber du stehst da, als wäre Warten alles, was du noch kannst.

    Und während du da stehst, die kalte Morgenluft dir ins Gesicht schlägt, die letzten Clubgänger auf wackeligen Beinen vorbeihuschen, spürst du es: Diese Straße hat keine Geschichte, sie erzählt keine großen Heldensagen. Sie ist nur Asphalt, Beton und der ewige Lärm von ratternden Straßenbahnen und hustenden Motoren. Aber sie ist auch Berlin in seiner rohesten, unverfälschtesten Form. Kein Glitzer, kein Glamour, nur Alltag. Keine Filter, nur du, der Kaffee und die immer gleiche Frage: Was mache ich hier eigentlich?

  • Oasis.

    Die Brüder Gallagher. Man könnte sagen, es ist, als würden sich zwei Veteranen eines längst verlorenen Krieges plötzlich wieder auf dem Schlachtfeld treffen – nur dass sie nicht mehr wissen, worum es damals eigentlich ging. Jahrelang haben sie sich gegenseitig beschossen, Beleidigungen wie Munition verschossen, und jetzt? Jetzt sitzen sie da, grinsen schief und tun so, als wäre das alles nur ein blöder Witz gewesen. Die Presse ist voll von diesem Comeback – und man denkt: Was zum Teufel?

    Aber dann passiert es: Sie sind wieder da. Oasis. Die Band, die für viele von uns so viel mehr war als Gitarrenriffs und Gallagher-Dramen. Das brauchen wir doch, oder? Es ist nicht nur eine Reunion für die Brüder, es ist eine Reunion für uns alle. Für die verlorenen Seelen der 90er, die irgendwo in diesem Wirrwarr aus Job, Leben, Familie und „Was ist eigentlich aus mir geworden?

    Oasis sind die Jungs, die uns damals die perfekte Wut gegeben haben, als wir selbst noch nicht wussten, wie wir mit all dem umgehen sollten. Don’t look back in anger – das war unsere Hymne, obwohl wir keine Ahnung hatten, worüber wir so wütend sein sollten. Aber es war okay, weil Liam und Noel es für uns herausgebrüllt haben. Jetzt kommen sie zurück und tun so, als wäre das alles nie passiert. Wir sitzen alle da, schauen uns unsere abgegriffenen Definitely Maybe-CDs an und denken: Könnte das wirklich noch was werden?

    Es fühlt sich seltsam vertraut an, aber auch irgendwie surreal. Denn seien wir ehrlich: Diese Reunion ist nicht nur für sie. Sie ist für uns. Für uns, die wir uns irgendwo auf dem Weg zur Mitte 40 verlaufen haben und nicht genau wissen, wie wir da hingekommen sind. Wir sind diese Typen, die mal dachten, sie hätten alles im Griff – und jetzt, verdammt, jetzt kommen Liam und Noel zurück, und plötzlich scheint es doch noch ein bisschen Hoffnung zu geben.

    Und natürlich wird es nicht mehr so sein wie damals. Sie sind älter, wir sind älter. Die Songs, die Chemie, das ist alles nicht mehr so. Aber darum geht es auch nicht. Es geht nicht darum, wieder die beste Band der Welt zu sein. Es geht darum, dass sie wieder da sind. Dass sie uns noch einmal zeigen, dass es okay ist, wieder zusammenzukommen, auch wenn alles in Scherben liegt. Dass es nicht zu spät ist. Das brauchen wir doch alle, oder? So ein kleines Comeback. Ein Zeichen, dass da noch was ist.

    Du hörst Live Forever, drehst die Boxen auf, machst die Augen zu – und für diesen Moment bist du wieder da. Du bist wieder 17, stehst mit einer Zigarette vor dem Club und die Welt fühlt sich riesig an, wie ein Ort, der nur darauf wartet, von dir erobert zu werden. Das ist naiv, klar, aber scheiß drauf. Genau das ist der Punkt. In diesem Moment fühlt sich alles wieder groß an. Die Zweifel, die Zeit – alles verschwindet, weil Liam wieder singt. Weil die Gallagher-Brüder, diese zwei Typen, die sich nie richtig verstanden haben, es noch mal versuchen. Für uns. Für sich selbst. Für diese verdammte Nostalgie, die uns jetzt wieder einholt.

    Und ja, vielleicht streiten sie sich morgen wieder. Vielleicht zerbricht das ganze Ding in tausend Stücke, weil, nun ja, das ist ihr Stil. Aber heute? Heute singen sie Wonderwall. Und das ist mehr, als wir je erwartet hätten.

  • Groove.

    Da steht er nun, der letzte Showtitan, und merkt nicht, dass die Party längst vorbei ist. Da steht er, die goldenen Locken, das Lächeln noch da, als hätte man vergessen, ihm zu sagen, dass die Lichter längst aus sind. Einst betrat er die Bühne, und die Nation lauschte. „Wetten, dass…“, die größte Show des Landes, Gottschalk, der Showmaster, der König des Samstagabends. Aber jetzt? Jetzt wirkt er wie einer, der zu spät zur Party kommt und sich immer noch für den Headliner hält. Und während sich die Welt weiterdreht, steht Gottschalk da – schwerfällig, steif, und irgendwie fragt man sich die ganze Zeit: Warum eigentlich?

    Früher war er der Typ, der alles mit einem Lächeln löste. Kritik prallte an ihm ab, weil er über den Dingen schwebte. Ein charmanter Spruch hier, ein bisschen Selbstironie da, und plötzlich war alles wieder gut. Aber jetzt? Jetzt kämpft er. Er rechtfertigt sich. Und das fühlt sich falsch an, weil Gottschalk sich nie rechtfertigen musste. Der Glanz, der ihn früher umgab, die Aura des Showgottes, der über allem stand – weg. Keine Leichtigkeit mehr, kein Augenzwinkern, das alles retten könnte. Stattdessen: ein Mann, der verzweifelt versucht zu erklären, warum er so ist, wie er ist. Ein Mann, der auf einer Bühne steht, die er nicht mehr versteht.

    Es ist fast tragisch, ihm dabei zuzusehen. Früher hätte Gottschalk jede Diskussion mit einem lockeren „Ach, was soll’s“ beendet und alle hätten gelacht. Aber heute? Jetzt gibt es kein Lachen mehr, nur noch Fragen. Fragen, auf die er keine Antworten hat, weil er nie welche brauchte. Man schaut ihm zu und hofft, dass der alte Gottschalk wiederkommt, der mit einem Satz alles auf den Punkt brachte. Aber dieser Gottschalk, der über den Dingen stand, der ist nicht mehr da. Stattdessen steht da ein Mann auf der Bühne, der sich immer wieder umschaut, als suche er die Zeit, die ihn verlassen hat.

    Die Kritik prasselt auf ihn ein, und was macht Gottschalk? Er nimmt sie persönlich. Früher hätte er darüber gelacht, alles in seinen üblichen Charme gehüllt und weitergemacht. Aber heute, heute sieht man ihm an, dass es ihn trifft. Die Welt ist nicht mehr dieselbe, in der er mit Glanz und Glamour unantastbar war. Heute ist jedes Wort, jeder Spruch eine potenzielle Mine, und Gottschalk? Er tappt in jede. Der Mann, der früher alles im Griff hatte, verliert plötzlich den Boden unter den Füßen.

    Man fragt sich die ganze Zeit: Warum reagiert er so steif? Warum nimmt er sich so wichtig? Früher konnte ihn nichts aus der Ruhe bringen, jetzt wirkt er wie ein verunsicherter Rockstar, der auf der Bühne steht und nicht versteht, warum niemand mehr mitsingt. Der Applaus, der früher von selbst kam, bleibt aus. Gottschalk, der einstige Titan, der sich immer leichtfüßig durch jede Show, jede Kritik, jede Peinlichkeit geschlängelt hat, steht jetzt da und wartet – auf den Applaus, der nicht mehr kommt.

    Und das Schlimmste? Es ist, als wüsste er selbst nicht, warum. Früher wäre es ihm egal gewesen, jetzt scheint er sich ständig zu fragen, was er falsch macht. Die Leichtigkeit, die ihn immer begleitet hat, ist verschwunden. Der Mann, der uns allen das Gefühl gab, dass alles irgendwie in Ordnung ist, solange er lächelt, steht jetzt da und versteht nicht, warum niemand mehr lacht. Man sieht ihn an und fragt sich: Warum hält er so krampfhaft daran fest? Warum lässt er nicht einfach los?

    Es bleibt die traurige Erkenntnis: Der Glanz, der Gottschalk einst umgab, ist verblasst. Es fehlt die Leichtigkeit, die ihn so unantastbar machte. Und während er sich noch an die Vergangenheit klammert, ist die Welt längst eine andere. Gottschalk, der letzte Showtitan, der nicht begreift, dass die Party längst vorbei ist.

  • AfD.

    Die AfD – die traurigen Kinder der Party, zu der sie eigentlich gar nicht eingeladen waren. Die Hände in den Taschen, der Blick irgendwie verloren. Sie reden laut, viel zu laut, als könnten sie durch Lautstärke verhindern, dass jemand merkt, dass sie gar nicht wissen, warum sie überhaupt hier sind. Es ist nicht diese selbstbewusste Lautstärke, die aus Überzeugung kommt – nein, es klingt wie jemand, der sich immer wieder versichern muss, dass das, was er gerade sagt, irgendwie Sinn macht. Spoiler: Tut es nicht.

    „Wir wollen unser Land zurück“, rufen sie. Als wäre ihnen jemals etwas weggenommen worden. Als hätte dieses „Land“ irgendwann, irgendwo, irgendwann einmal wirklich ihnen gehört. Aber es geht gar nicht um das Land, um die Nation, um dieses ganze große Pathos. Was sie wirklich meinen – aber nicht sagen können – ist: Wir wollen unsere Sicherheit zurück. Sicherheit, ja, das ist der Schlüssel. Sie klammern sich an „Traditionen“ und „Werte“, als wären das Rettungsringe, die sie davor bewahren, in dieser immer schneller werdenden Welt unterzugehen. Dabei haben sie längst die Orientierung verloren, und das macht ihnen Angst. Sie stehen in der Mitte des Karussells und klammern sich fest, weil sie nicht wissen, wie sie mitfahren können, ohne herunterzufallen.

    Es ist wie dieses Gefühl, wenn man auf einer Party ist, die die eigene Coolness-Schwelle längst überschritten hat. Alle tanzen schon zu Tracks, die man gar nicht mehr kennt, und man steht mit dem Bier in der Hand am Rand und fragt sich, wie zum Teufel man hierher gekommen ist. Das ist die AfD. Sie stehen da und schauen zu, wie sich alles um sie herum schneller, bunter und wilder dreht. Und was tun sie? Sie schreien. Schreien nach einer Ordnung, die es nie gegeben hat. Nach einer Welt, die zu ihrer eigenen Sicherheit einfach wieder stillstehen sollte. Aber die Party, die geht weiter. Ohne sie.

    Es ist fast traurig, wenn man es sich vor Augen führt. Denn hinter all dem Gebrüll, den Parolen, den großen Gesten steckt nichts als pure, blanke Angst. Angst vor dem, was anders ist. Angst vor dem, was sie nicht verstehen. Und das Tragische ist: Sie könnten dazugehören. Sie könnten sich integrieren, ihren Platz finden, Teil dieser verrückten, schnellen, lauten Welt werden. Aber sie tun es nicht. Sie wählen den Rückzug. Sie stellen sich an den Rand, bauen Mauern um sich herum, erklären die Party, die draußen tobt, zum Feind, weil es einfacher ist, die anderen als Bedrohung zu sehen, als sich einzugestehen, dass man einfach … verloren ist.

    Am Ende stehen sie da, die Kinder, die die Regeln der neuen Welt nicht verstehen, und warten darauf, dass jemand den Stoppknopf drückt. Dass das Karussell anhält und alles wieder so wird, wie es war – oder wie sie glauben, dass es war. Aber das passiert nicht. Die Zeit bleibt nicht stehen, sie dreht sich weiter. Und während sie da stehen und nach der Notbremse suchen, dreht sich alles immer schneller, immer weiter, und sie stehen nur da – unsicher, verloren, und warten. Warten darauf, dass ihnen jemand sagt, was sie tun sollen. Aber niemand kommt.

  • 3mm.

    3mm an den Seiten, Scheitel nach rechts. Keine große Sache, keine Linien, die sich wichtig machen wollen. Einfach: Haare. Punkt. Minimalismus im Quadrat. Du stehst da, schaust in den Spiegel und diese exakt geschnittenen 3mm flüstern dir zu: „Ja, das reicht.“ Kein Schnickschnack, kein Millimeter zu viel, der dir plötzlich eine Art kosmischen Durchblick verschafft. Nur Effizienz. Deine Haare sind wie die Kaffeemaschine in der Küche – sie funktioniert, macht ihre Arbeit, ohne Drama. Jeden. Verdammt. Jeden Tag.

    Es ist nicht aufregend, aber das muss es auch nicht sein. Man steht auf, fährt sich einmal durch den Scheitel – und das war’s. Während andere sich mit Wachs und Gel die Haare zurechtbiegen, als wollten sie unbedingt etwas aus sich machen, lässt dein Haarschnitt einfach los. Fast meditativ. Kein Gerede, keine Kunst, kein Zirkus. Nur Haare, die wissen, was sie tun.

    Dieser Schnitt? Das ist der Geländewagen unter den Haarschnitten. Robust, zuverlässig. Er bringt dich ans Ziel, ohne dass du dir den Kopf zerbrechen musst. Während andere sich stundenlang Gedanken machen, stehst du einfach auf und gehst. Den Scheitel nach rechts, weil es funktioniert. Kein „Ich muss mich neu erfinden“. Einfach so. Und am Ende des Tages, wenn du wieder in den Spiegel schaust, denkst du: „Das sitzt“. Und weißt du was? Es sitzt.

    3mm an den Seiten, Scheitel nach rechts. Kein Geschrei, kein Drama, kein Versuch, irgendjemanden zu beeindrucken.

  • Frankfurt (Oder).

    Schon der Name, Frankfurt (Oder), klingt nach dem Kumpel, der auf jeder Party als Letzter genannt wird. Dieses unsichere „Oder“ hängt am Ende, als hätte die Stadt bei ihrem eigenen Vorstellungsgespräch das Wichtigste vergessen. Man hört: „Ja, Frankfurt… Oder…“ und weiß genau, dass es die kleine Schwester ist, die schüchterne Version von Frankfurt am Main, dem Großen, dem mit der Skyline und den Anzügen.

    Frankfurt (Oder)? Steht daneben, schiebt die Hände in die Hosentaschen, grinst schief und denkt: „Ja, hier bin ich auch.“ Doch während Frankfurt am Main mit Wolkenkratzern und Bankern auftrumpfen kann, zieht sich Frankfurt (Oder) zurück. Will nicht auffallen. Kein Drama, keine Show. Nur eine Stadt, die man erst richtig wahrnimmt, wenn man sich die Zeit nimmt, genau hinzuschauen. Der Typ, der auf der Party still in der Ecke sitzt und plötzlich eine Geschichte erzählt, bei der alle denken: „Wow, wo kommt das denn her?“ Frankfurt (Oder) ist da, ganz ruhig, ganz unaufgeregt, und irgendwie gerade deshalb sympathisch.

    Und dann die Oder, dieser Fluss, der aussieht, als hätte er sich bewusst dafür entschieden, alles in Zeitlupe zu erledigen. Kein Drama, keine spektakulären Wellen – nur Wasser, das fließt, als sei Eile ohnehin überbewertet. Es ist der Soundtrack einer Stadt, die keine Show macht, weil sie weiß: Show? Das brauchen wir hier nicht. Sie hat diesen trockenen Humor, diesen lakonischen Witz, den nur Städte haben, die längst wissen, dass sie niemandem etwas beweisen müssen.

    In Frankfurt (Oder) ist nicht viel los. Und genau das ist der Punkt. Man sitzt in einem Café, schaut zu, wie nichts passiert, und plötzlich merkt man: Genau das brauche ich. Kein Geschrei, kein Lärm, nur Stille, die sich nicht schämt, da zu sein. Die Stadt weiß, dass sie keine Wolkenkratzer hat, und das ist okay. Sie lacht darüber.

    Beton? Ja, klar. Die Plattenbauten stehen hier wie alte Kumpel, die es sich irgendwann auf dem Sofa gemütlich gemacht haben und einfach nicht mehr weg wollen. Aber man hat sie akzeptiert, weil sie dazugehören, wie die Europa-Universität Viadrina. Das klingt nach etwas Großem, nach internationalen Debatten und der Zukunft Europas. Und die Realität? Na ja, der letzte freie Platz im Erasmus-Programm. Frankfurt weiß das. Es tut nicht so, als wäre es mehr, als es ist.

    In Frankfurt (Oder) gibt es keinen Stress. Es ist die Stadt, die dir sagt: Bleib, wenn du willst. Wenn nicht, auch gut. Ich bin da, wenn du mich brauchst.“ Kein lautes „Hier bin ich!“, kein Drängen. Frankfurt ist der Onkel, der auf der Familienfeier zwei Bier trinkt und sich dann gemütlich zurückzieht, während der Rest noch versucht, den perfekten Drink zu mixen. Man kommt hierher, erwartet nichts – und das ist das Beste daran.

    Frankfurt (Oder) ist wie der alte Mantel, den man an einem Regentag aus der hintersten Ecke des Kleiderschranks holt. Nicht schick, nicht auffällig, aber er hält warm. Und das reicht.

  • Angrillen.

    Du denkst, es ist nur ein Wort. Es klingt harmlos, fast niedlich. So ein kleines, unauffälliges Wort, das irgendwo zwischen „Sonntagsbraten“ und „Picknick“ sitzt und sich nichts dabei denkt. Aber lass dich nicht täuschen. Grillen ist Krieg. Es ist der Moment, in dem Männer, die sonst nicht einmal wissen, wo die Glühbirnen im Haus sind, plötzlich zu Kriegsherren der Holzkohle mutieren. Die Augen verengen sich, die Luft knistert vor Spannung – und dann der Schrei: Angrillen!

    Das „An“ im Angrillen ist kein zaghaftes Vorspiel. Es ist der Schlachtruf. Hier wird nicht nur gegrillt. Hier wird Geschichte geschrieben, der Sommer eingeläutet, das Leben gefeiert. Die Terrasse verwandelt sich in ein Schlachtfeld, auf dem Kohle und Bier die Waffen und das Fleisch die Trophäen sind. Man steht da, in der einen Hand das Bier, in der anderen die Grillzange. Der Feind? Minusgrade, Regen, Schnee. Egal. Du bist draußen, weil du es willst. Der Winter soll sehen, wer hier das Sagen hat.

    Und dann die Kohle, aus dem Schuppen geholt wie ein Schatz aus vergangenen Zeiten. Der Grill, dieser rostige Thron des Königs, wird mit fast religiösem Ernst aufgebaut. Feuer. Rauch. Kein Gas – nein, das wäre zu einfach, zu modern. Es muss Kohle sein, echte Glut, ein archaischer Akt, als hätte man das Feuer erfunden. Es geht ums Prinzip.

    Du stehst da und siehst zu, wie das Fleisch langsam auf dem Rost schwitzt. Du schwitzt mit. Aber das macht nichts, das gehört dazu. Der erste Biss wird kommen, das weißt du. Und ja, natürlich wird es schmecken wie jedes Jahr: ein bisschen zu rauchig, vielleicht ein bisschen zu zäh, aber das macht nichts. Das ist nicht der Punkt.

    Der Punkt ist das Ritual. Der Rauch steigt auf wie ein Zeichen, ein Fanal des Sieges über den Winter, über die Kälte, über den Alltag. Du bist jetzt mehr als nur der Mann am Grill, du bist der Herr des Feuers, der Architekt der ersten Flammen, der Eröffner der Grillsaison. Die anderen klopfen dir auf die Schulter und sagen: „Perfekt, besser geht’s nicht.“ Dabei wissen alle, dass das Fleisch vielleicht eher die Konsistenz von Leder hat, die Wurst ihre besten Tage längst hinter sich hat. Aber egal. Es ist der Weg, der zählt, nicht das Ziel.

    Man steht da, das Bier in der Hand, die Flammen im Blick, und denkt: Das ist es. Es ist nicht das Essen. Es ist das Gefühl, die Auferstehung aus der Dunkelheit des Winters. Grillen ist kein Event, es ist ein Statement. Ein Triumph über die kalten Monate, in denen du gezwungen warst, drinnen zu sitzen. Jetzt hast du den ersten Schritt gemacht. Und mit jedem Bissen flüstert der Rauch über dir: Du hast gewonnen.

  • Löcher.

    Stell dir vor: Du wachst auf. Natürlich hat der Wecker geklingelt, aber du tust so, als hättest du ihn nicht gehört. Stattdessen schaust du in den Spiegel und da ist sie, die Frage, die sich wie Nebel über deine Gedanken legt: War’s das jetzt? Klar, da ist noch ein letzter Funke, versteckt hinter den Bartstoppeln, die irgendwie grauer sind, als du sie in Erinnerung hast. Aber dieser Funke hängt auch noch am Tropf von gestern Abend, als wäre er ein Souvenir aus einer besseren Zeit. Willkommen zur Midlife-Crisis, Baby! Keine Panik, du bist nicht allein. Es ist nur der Rest deines Lebens, der langsam gegen die Wand fährt.

    Weißt du, wie das Leben ab 40 funktioniert? Es gibt drei Kapitel, die eigentlich unausgesprochen sind, aber jeder kennt sie. Kapitel eins: Du bist jung, wild, unverwundbar. Kapitel zwei: Du tust so, als wärst du es immer noch – aber die Jeans spannt, und den Bierbauch kriegst du auch nicht mehr so gut weg. Kapitel drei? Plötzlich hast du ein E-Bike, und dir kommen Sätze über die Lippen wie „Die Jugend von heute“, ohne dass du merkst, was du da sagst. Und du denkst, das war’s? Schön wär’s. Dann kommt Kapitel vier. Das Loch.

    Nicht irgendein Loch. Nicht das elegante, alles verschlingende schwarze Loch des Universums. Nein, dieses ist persönlicher. Bösartiger. Es ist das Loch, das sich auftut, wenn du versuchst, ein IKEA-Regal aufzubauen, und du dich mitten in der dritten Schraube fragen musst: Ist das wirklich mein Leben? Du merkst, da ist mehr im Arsch als nur die falsche Anleitung. Und egal, was du hineinschmeißt – Netflix, Smoothies, das neueste Gadget aus dem Baumarkt – das Loch bleibt. Es starrt zurück. Und du? Du tippst auf deinem Handy und denkst: „Ich habe keine Zeit für Depressionen. Ich muss mein LinkedIn-Profil aktualisieren.“

    Aber hey, keine Sorge, das können wir doch alle, oder? Klar, drinnen herrscht Chaos, aber draußen? Alles unter Kontrolle. Neuer Grill, neues Auto, man spielt das Spiel perfekt. Und immer wieder dieser Satz: Früher war alles besser. War es das? Vielleicht. Damals, als die größte Sorge war, ob die Jeans sitzt und genug Bier im Kühlschrank ist.

    Und heute? Heute hat man Angst. Nicht die „Mist, ich habe meinen Hochzeitstag vergessen“-Angst. Nein, das ist die große, existenzielle Angst. Die, die kommt, wenn du im Baumarkt in der Schlange stehst und der Typ vor dir eine halbe Stunde lang über Schrauben philosophiert, während du dich fragst: Passiert hier noch was? Willkommen in Phase vier, mein Freund.

    In Phase vier merkst du plötzlich: Dein Leben ist ein ewiges „Naja“ geworden. Und klar, du könntest etwas ändern, aber wann genau hast du aufgehört, große Träume zu haben? Wann hast du entschieden, dass eine neue Bohrmaschine weniger Risiko birgt als ein wirklicher Schritt ins Ungewisse? Darüber redest du natürlich nicht. Gefühle? Komm schon. Männer und Gefühle? Das ist Sondermüll, den wir irgendwo abladen, in der Hoffnung, dass ihn jemand anders entsorgt. Meistens die Frau. Aber – kleiner Spoiler – die hat auch keine Lust mehr auf deinen emotionalen Sperrmüll.

    Und irgendwann, mitten in diesem ganzen „Ich habe alles im Griff“-Theater, stellst du fest: Das Einzige, worin du wirklich gut geworden bist, ist das Ignorieren. Das Ignorieren der Löcher, der Träume, die du mal hattest. Aber die Löcher, die verschwinden nicht. Sie warten nur. Warten, bis du hineinfällst.

    Und dann? Dann stehst du da, schaust dich um und siehst diesen letzten Funken in dir. Den Kerl, der mal Ideen hatte. Der Träume hatte. Der mehr war als nur der, der den Rasen mäht und pünktlich die Steuererklärung abgibt. Und du merkst: Okay, Loch. Heute nicht.

    Am Ende brauchst du nur eins: einen Plan. Keinen großen Plan, den du auf LinkedIn teilst, um Likes zu sammeln. Nur ein kleiner, leiser Plan. Für dich. Denn jetzt weißt du: Es geht nicht um das Loch. Es geht um dich.