Montagmittag, Prenzlauer Berg, ein Café mit einer akustischen Playlist aus den Nullerjahren. Frisch gemahlener Kaffee in der Luft, um mich herum das leise Klappern von MacBook-Tastaturen – die Standard-Lebensumstände der urbanen Bohème. Und genau hier, inmitten dieses Klangszenarios geschniegelter Alltäglichkeit, macht sich dieses Gefühl breit: Ein Loop. Eine ewige Wiederholung. Etwas, das sich immer wieder zurückzieht, sobald es weitergehen könnte. Ein neues Lied und doch immer derselbe Refrain. Die Kultur ist in einer Endlosschleife gefangen. Ich bin gefangen in einer Schleife. Und niemand scheint daran etwas ändern zu wollen.
Das waren noch Zeiten, als Musik und Film uns ohne ironisches Augenzwinkern zu neuen Horizonten katapultierten. Die Zeit, als ein Gitarrenriff der Strokes oder der erste Blockbuster von Tarantino wirklich etwas bedeuteten – als sich so vieles gleichzeitig und wild entfaltete, weil niemand im Raum dachte, es gäbe schon alles. Es gab noch keine Retromüdigkeit, keine Remakes der Remakes, kein Wiederkäuen des ewigen Selbst. Heute scheint die Kultur vor sich hin zu dümpeln, während uns ein Algorithmus sagt, welche Netflix-Serie uns als Nächstes „gefallen könnte“, weil sie eine Mischung aus den letzten fünf Serien ist, die wir ohne große Leidenschaft durchgespult haben. Ein endloser Strom des ewig Gleichen.
Aber warum? Wo ist der große Knall? Die Explosion, die alle aus der Monokultur reißt? Die wirklich neue Bewegung, die nicht das fünfzigste Comeback eines längst toten Trends ist? Nun, wahrscheinlich liegt es an den Wänden dieses Cafés, an den Smartphones auf den Tischen, an den Tablets und den wunderbar minimalistischen Notizbüchern mit pseudo-bedeutsamen Slogans. Alles strahlt Gleichklang aus und der Druck auf die wenigen Originale wird so erdrückend, dass selbst der kreativste Kopf irgendwann an der Routine der Reproduktion zugrunde geht.
Ich bin ein Teil davon – wir alle sind es, wenn wir ehrlich sind. Die Kulturindustrie ist heute eine gigantische Kopiermaschine, die von Likes und Retweets lebt. Die Welt des Influencing treibt die Kreativen zu kalkulierbaren Evergreens, die den Algorithmus füttern. Was Klicks bringt, wird gemacht. Es gibt keine Experimente mehr, nur noch Algorithmen und Statistiken, die das nächste virale Format vorhersagen. Das neue „Kulturwerk“ ist eine endlose Masse leicht verdaulicher Häppchen, die uns im Namen des Engagements das Gefühl geben, „mitreden“ zu können – aber in Wirklichkeit sind wir alle in dieser Feedback-Schleife nur noch Produkt und Konsument zugleich.
Kürzlich wollte mir jemand ein „authentisches“ Filterprogramm auf Instagram verkaufen. Die perfekte Illusion der Selbstwahrnehmung als Marke. Lässig, aber nicht zu lässig. Schick, aber bodenständig. Realität als Filtereffekt. Früher hätte das eine geniale Satire sein können. Heute ist es unser Alltag.
Vielleicht hätten wir als Gesellschaft noch den letzten Ausweg nehmen können, aber der ist jetzt gepflastert mit Vintage-Polaroids und recycelten Festival-Slogans. Stolz tragen wir die Rucksäcke der vergangenen Jahre als Zeichen unseres persönlichen Stils, während wir unermüdlich dieselbe Spotify-Playlist abspielen. Die Generation, die gegen das Establishment rebellierte, hat sich in eine endlose Selbstreflexion gestürzt und ist auf einer Metaebene stecken geblieben. Die Zeit, die wir damit verbringen, unsere Instagram-Feeds zu gestalten und unsere Online-Avatare zu pflegen, haben wir von der realen Welt abgezogen. Es ist eine Welt der Ästhetik, die nichts Substanzielles wagt, weil das Engagement über den Inhalt gestellt wird.
Ja, ich spüre das Dilemma: den Drang, etwas Bedeutendes zu schaffen, das sich dem Konsum entzieht. Aber die Realität ist so einfach wie deprimierend: Kein Produzent will sich auf die riskanten Manöver einlassen, die echte Innovation erfordern würden. Hollywood produziert lieber das zehnte Sequel, das genauso „überraschend“ ist wie die neun Vorgänger. Buchverlage lieben das sichere Geschäft mit den Bestsellerlisten, die voll sind von ausgelutschten Themen, die im Schnelldurchlauf zur Wohlfühllektüre verkommen. Und die Popmusik? Autotune über alles. Wir wollen auf keinen Fall herausgefordert werden, wir wollen nur leichte Unterhaltung, damit der Alltag nicht zu unbequem wird.
Ist das unsere Kultur? Vielleicht sind wir einfach zu müde für Neues, zu bequem in unserer Endlosschleife der Wiederholungen. Eine kulturelle Hängematte aus Referenzen, ein Rückgriff auf die besten Zeiten, weil niemand den Mut oder die Kraft hat, das Vertraute wirklich zu sprengen. Stattdessen diskutieren wir in unzähligen Talkshows über die immer gleichen Themen – Migration, Wirtschaft, die Krise der Liebe – und stellen fest, dass uns jede Lösung irgendwie zu weit oder zu anstrengend ist. Die Fragen, die wir uns stellen, enden immer wieder in denselben Floskeln, auf derselben abgenutzten Metaebene.
Und während wir hier sitzen und Kaffee aus biologisch abbaubaren Bechern schlürfen, von denen keiner mehr weiß, ob sie wirklich helfen, wirft der Algorithmus ein neues „Original“ in den Ring. Ein Album, das nach den besten Zeiten der frühen 2000er klingt, ein Film, der sich als Hommage an ein anderes Jahrzehnt versteht, eine neue Plattform, die alte Trends als die neueste Revolution verkauft. Aber wir wissen es besser – oder?
Am Ende sind wir wieder hier: in diesem Café, diesem Knotenpunkt, diesem ewigen Zentrum, das sich keinem von uns öffnet. Vielleicht müssen wir uns wirklich aufraffen und das Netz abschalten, die Filter deinstallieren, die Glühbirnen ausschalten und anfangen, die Leere in unseren Köpfen zu akzeptieren. Eine Art kultureller Reset, der auf die Frage hinarbeitet: Was wollen wir eigentlich? Und warum können wir es uns nicht leisten, einmal etwas zu wagen?
Denn nur wenn wir anfangen, etwas zu riskieren, besteht die Chance auf den „großen Wurf“, der uns endlich aus dieser Endlosschleife herauskatapultiert.