Ja, man darf nichts mehr sagen. Diesen Satz hört man immer wieder, von allen Seiten, auf allen Bühnen, in den Kommentarspalten, herausgeschleudert wie eine Provokation, die nach Aufmerksamkeit schreit. Und dann? Dann sagen sie ihn, dann sagen sie alles, als hätten sie nie aufgehört, als hätte ihnen nie jemand den Mund verboten. Der Witz ist: Die, die sagen, man dürfe nichts mehr sagen, sind genau die, die immer am lautesten schreien, immer im Mittelpunkt stehen. Und man steht da und denkt: Hm?
Das Problem ist nicht, dass man nichts mehr sagen darf. Das Problem ist, dass heute alles gesagt wird. Ungefiltert, unüberlegt, einfach raus damit, Hauptsache, die Bühne gehört dir für diese eine Sekunde. Früher, ja früher, da gab es noch so etwas wie, sagen wir mal, einen gesellschaftlichen Konsens. So eine Art unausgesprochenen Vertrag, was man sich im Diskurs nicht antut, weil es einfach nicht cool ist. Weil man wusste: Es gibt Grenzen. Unsichtbar, aber da. Man hat sich gestritten, klar, und man hat sich gestritten. Aber du hast dir wenigstens die Mühe gemacht, kurz nachzudenken, bevor du den Mund aufgemacht hast. Das ist jetzt vorbei. Jetzt wird alles gesagt, Hauptsache es knallt.
Und was passiert? Man schreit sich die Seele aus dem Leib, und wenn das Echo kommt, zuckt man mit den Schultern: War ja nur meine Meinung. Und man denkt: Wie bitte? Früher – und mit früher meine ich nicht das goldene Zeitalter der Streitkultur – war Diskurs noch so etwas wie … wie ein Spiel, bei dem es nicht darum ging, den anderen zu vernichten. Man hat gestritten, um einen Mittelweg zu finden. Heute? Heute geht es darum, am lautesten zu schreien. Wer die größte Bühne hat, gewinnt. Ende der Geschichte.
Das ist der Punkt: Nicht, dass man nicht mehr reden darf. Sondern dass niemand mehr aufhört zu reden. Alles wird rausgeschmissen, als ob die Verantwortung für das Gesagte mit dem Klick auf die Schaltfläche einfach verschwunden wäre. Früher gab es das: Verantwortung. Da hat man sich überlegt, ob das, was man sagt, wirklich etwas zur Sache beiträgt. Und wenn das schief ging, gab es sogar mal Rücktritte. Und heute? Heute schmeißt man alles raus und schaut, ob’s knallt. Und wenn’s knallt? Ja, dann gehst du einfach weiter. Das war nur eine Meinung.
Das ist die Gefahr, dieses alles sagen. Dieser permanente Lärm, der nichts mehr übrig lässt, keinen Raum für Stille, keinen Raum zum Nachdenken. Alles wird gesagt, aber keiner fragt: Muss das sein?
inspiriert von diesem Bit von Ingmar Stadelmann: https://www.instagram.com/reel/DBTiEHVsMPu/?igsh=YTBmZ3M3ZmVhYzBs
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