Du stehst da, den ersten Kaffee des Tages in der Hand, noch heiß, aber nicht heiß genug, um den müden Kopf in Schwung zu bringen. Die Eberswalder Straße – sie ist längst wach, während du noch im Halbschlaf durch die Gegend stolperst. Um dich herum brummt die Stadt, aber nicht so, wie man es von Berlin erwartet. Es ist nicht das hektische Brummen von Autos und Menschen, die irgendwohin müssen – es ist dieses ruhige, gleichgültige Brummen einer Straße, die genau weiß, was sie ist. Keine Bühne, nur Kulisse. Der Kaffee in deiner Hand wird langsam kälter, die Ampel vor dir springt wieder auf Rot – natürlich wie immer – und du bleibst stehen, wie alle anderen auch.
Die Eberswalder hat keinen Platz für große Dramen, hier gibt es keine Protagonisten. Du bist nur einer von vielen Statisten in einer Szene, die sich längst abgespielt hat, bevor du überhaupt angekommen bist. Der Dönerladen an der Ecke ist noch offen, die Typen davor sehen aus, als hätten sie nicht gemerkt, dass die Nacht schon vorbei ist. Sie stehen da, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, und rauchen die letzte Zigarette, bevor der Tag offiziell beginnt. Es spielt keine Rolle, wie spät es ist – hier fühlt sich alles an, als würde es nie richtig aufhören, nie richtig anfangen. Der Tag, die Nacht, alles verschwimmt in dieser Straße.
Du nimmst einen Schluck Kaffee, spürst, wie das Koffein dich langsam aus dem Nebel holt, aber gerade noch. Die Menschen um dich herum bewegen sich, als wüssten sie genau, wohin sie müssen, aber du weißt es besser: Niemand bleibt hier, aber alle kommen wieder. Irgendwann. Die Eberswalder Straße ist kein Ziel, sie ist eine Durchgangsstraße. Man hält sich hier nicht auf, man wartet – auf den Zug, auf den Feierabend, auf das nächste Wochenende, auf etwas, das vielleicht nie kommt. Aber man wartet, weil es das ist, was man hier tut.
Die ewige M10, wie immer zu spät, aber immerhin so pünktlich, dass niemand wirklich meckert. Sie zieht vorbei, voller Menschen, die so leer wirken wie die Straße selbst. Prenzlauer Berg wacht langsam auf, die ersten Kinderwagen rollen vorbei, die ersten Coffee-to-go-Becher werden gereicht. Aber du? Du stehst da, schaust dich um und merkst: Die Eberswalder Straße schläft nie, sie ruht nur kurz. Zwischen zwei Zügen, zwischen zwei Menschen, die kommen und gehen, immer im Fluss. Sie wartet auf nichts und niemanden, aber du stehst da, als wäre Warten alles, was du noch kannst.
Und während du da stehst, die kalte Morgenluft dir ins Gesicht schlägt, die letzten Clubgänger auf wackeligen Beinen vorbeihuschen, spürst du es: Diese Straße hat keine Geschichte, sie erzählt keine großen Heldensagen. Sie ist nur Asphalt, Beton und der ewige Lärm von ratternden Straßenbahnen und hustenden Motoren. Aber sie ist auch Berlin in seiner rohesten, unverfälschtesten Form. Kein Glitzer, kein Glamour, nur Alltag. Keine Filter, nur du, der Kaffee und die immer gleiche Frage: Was mache ich hier eigentlich?
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