Mitte Oktober, irgendwo im brandenburgischen Nirgendwo. Die Luft riecht nach feuchtem Moos, die Kiefern stehen Spalier wie Soldaten, und du weißt: Jetzt ist Pilzsaison. Und man weiß auch: Die Brandenburger sind draußen.

Sie kommen aus den Ecken gekrochen, den Blick auf den Boden geheftet, nicht weil sie etwas verloren haben, sondern weil sie genau wissen, was sie finden werden. Mit gesenktem Kopf und starrem Blick. Aber dieser Blick – das ist nicht die Müdigkeit des Alltags. Nein, es ist eine jahrhundertealte Jagdtechnik. Sie tasten den Boden ab, zwei Meter um sich herum, in einem perfekten 360-Grad-Radar. Alles außerhalb dieses Radius? Unwichtig. Hier geht es um das Wesentliche.
Man nennt das Pilze sammeln, aber das ist eine Lüge. Sammeln klingt so passiv, so zufällig. Das ist knallharte Präzision, das ist Myzeljagd. Der Brandenburger greift nach dem Pilzkörper. Wie bei einem chirurgischen Eingriff wird der Pilz mit einer Bewegung aus dem Waldboden gelöst. Und dann, zack, fliegt er in den Korb. Nächster Pilz.

Steinpilze, Maronen, Pfifferlinge – das ist kein Spaziergang, das ist ein Marsch durch die Kiefernplantagen, die sie in Brandenburg noch liebevoll Wald nennen. Das Messer? Immer in der Hand. Der Korb? Eine Trophäe für sich. Es wird nicht einfach gesammelt, es wird Beute gemacht. Pilze, kiloweise aus dem Boden gezogen, wie Schätze aus einer anderen Welt. Sie schleppen alles durch den Wald, die Körbe voll bis zum Rand, und wenn du denkst, sie sind fertig, gehen sie noch tiefer hinein, als gäbe es noch etwas zu holen. Unkundige stehen nur daneben und sehen nur braunen Waldboden, ein paar Blätter. Der Brandenburger sieht ein Königreich. Und sie hören nicht auf, bis jeder Steinpilz, jede Krause Glucke, jeder Pfifferling den Weg in den Korb gefunden hat.

Zu Hause wird die Beute dann zur Schau gestellt. Eine ganz eigene Kunst. Pilze werden wie Jagdtrophäen auf Schnüre gefädelt und unter die Decke gehängt, damit jeder, der hereinkommt, sie sehen kann: Das hier? Das ist ein Pilzjahrgang! Und wenn die, die gleich in der Pfanne landen, brutzeln und dampfen und die Küche mit ihrem Duft erfüllen, dann ist es soweit. Dann weiß der Brandenburger: Das ist nicht nur Herbst, das ist der Kreislauf des Lebens.

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